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BOM! September 2021

Modelle von Totempfählen wie dieses von der Insel Haida Gwaii stehen beispielhaft für die transkulturelle Geschichte der Nordwestküste Kanadas und erzählen von Kolonisierung und Gewalt, aber auch von den Kontinuitäten der Kunst- und Kulturtechniken.

Modell eines Totempfahls

Inv.-Nr. 677
Haida
Argilit
Kanada, Queen Charlotte Island/Haida Gwaii


BASA_677-4_ausgeschnitten.jpgTotempfähle, gemeinsam mit Federhauben und Tipis, sind ikonische Symbole der globalen Imagination der nordamerikanischen Indigenen geworden. Für ethnologische Museen sind Totempfähle, was der Tyrannosaurus Rex für Naturkundliche Museen ist: die größte Attraktion, die ein Museum zu bieten hat.
Die Gier der Museen nach Totempfählen wuchs zu einer Zeit, als Kolonisierung, Missionierung und Krankheiten dafür sorgten, dass das Wissen über sie weitgehend verloren ging. Dies führte dazu, dass Totempfähle in steigender Zahl von ihren ursprünglichen Orten entfernt wurden, teilweise auch entgegen dem Willen ihrer Besitzer.
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Totempfähle zunehmend als Modelle für den Handel mit Europäern hergestellt. Mit dem zunehmenden Tourismus in der Region stieg auch die Nachfrage nach Souvenirs. In diesem Sinne waren die Modelle eine Ware produziert für den Konsum.
Das hier beschriebene 21 cm hohe Modell eines Totempfahls stammt von der Insel Haida Gwaii an der amerikanischen Nordwestküste Kanadas. In die Sammlung des BASA-Museums kam es 1957 durch den deutschen Ethnologen und damaligen Kurator des Bonner Seminars für Völkerkunde Franz-Josef Micha. Vermutlich stammt das Objekt aus der Sammlung H. Abarbanell in London.
Während monumentale Totempfähle aus dem Holz der Rotzeder geschnitzt wurden, sind die Modelle meist aus Argilit hergestellt. Das schwarze Argilit, das vermutlich für dieses Modell verwendet wurde, existiert nur auf Haida Gwaii. Dabei handelt es sich um ein feinkörniges Sedimentgestein, das überwiegend aus verhärteten Tonpartikeln besteht.
Die Modelle von Totempfählen haben dabei auch einen hohen kulturellen und künstlerischen Wert. Die Modelle boten die Möglichkeit, künstlerische Fertigkeiten in einem neuen Medium auszuleben. Sie illustrieren die Kontinuitäten von Kunst- und Kulturtechniken. Modelle von Totempfählen sind damit viel mehr als nur touristische Kunst. Sie sind ein Produkt des interkulturellen Austauschs zwischen europäischer und indigener Bevölkerung und damit ein bedeutendes Dokument der kolonialen Begegnung an der amerikanischen Nordwestküste.

Foto: Daniel Grana-Behrens

Text: Ija Labischinski


Literatur

  • Glascock, Pat, Michael D. Hall (Hg.) (2011): Carvings and Commerce. Model Totem Poles, 1880-2010, Seattle: University of Washington Press.
  • Glass, Aaron & Aldona Jonaitis (2010): The Totem Pole. An Intercultural History, Seattle: University of Washington Press.
  • MacDonald, George (2015): Haida Monumental Art: Villages of the Queen Charlotte, Vancouver: University of British Columbia Press.
  • Wright, Robin K. (2001): Northern Haida Master Carvers, Seattle: University of Washington Press.

 

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