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BOM! Oktober 2021

Bis heute tragen Frauen und Mädchen der Shipibo-Conibo aus Peru aufwendig bestickte, traditionelle Röcke (chitonte). Die darauf abgebildeten, komplexen geometrischen Muster sind in ihrer Kultur zentraler Aspekt der Spiritualität und für die Trägerinnen ein Ausdruck ihrer Identität. Dazu sind Shipibo-Conibo-Objekte aber auch als Touristensouvenirs sehr beliebt.

Chitonte-Rock

Inv.-Nr. Ve1
Shipibo-Conibo
Baumwollstoff, Bestickung
Amazonastiefland, Peru
um 1980
Sammlung Eheleute Veits


BASA_Ve1Die eng verwandten Shipibo und Conibo umfassen heute etwa 30.000 Menschen, welche entlang des Río Ucayali und seinen Nebenflüssen im Amazonastiefland von Peru siedeln. Sie leben vor allem von Fischfang, Ackerbau und Jagd, wobei seit den 1970ern auch der Verkauf von Kunstobjekten in der Provinzsstadt Pucallpa einen wichtigen Beitrag zum Auskommen der Familien leistet.
Die auf dem Rock befindlichen, ineinander verwobenen Muster werden als kené bezeichnet. Sie spielen für die Shipibo-Conibo eine wichtige Rolle und finden sich außer auf Textilien auch auf Keramiken und vielen weiteren Alltagsgegenständen. Ebenso werden sie bei Ritualen als Körperbemalung aufgetragen. In der Vorstellung der Shipibo-Conibo ist die ganze Welt mit kené geschmückt, auch wenn dies unsichtbar bleibt selbst beim Individuum. Unter Einfluss des psychedelischen Pflanzensaftes Ayahuasca ist es den männlichen Schamanen aber möglich diese Muster zu sehen.
Die Herstellung von visuellen kené liegt streng in Frauenhand. Mehrere Stunden verbringen die Frauen täglich damit, die verschiedenen Objekte mit den filigranen Mustern zu besticken oder zu bemalen. Bereits von klein auf erlernen die Mädchen das Handwerk von ihren Müttern und Großmüttern.
Während die Produktion traditioneller, gemusterter Alltagskeramik aufgrund der Nutzung modernen Küchengeschirrs immer mehr in den Hintergrund gerät, ist die Stickerei auf den chitonte-Wickelröcken nach wie vor von großer Bedeutung, wandelt sich und bringt neue Designs hervor. Denn die chitonte sind sowohl Ausdruck der gruppenspezifischen Zugehörigkeit als auch ein wichtiges Kriterium der persönlichen Identität. Die Komplexität und Ausführung der Muster zeigen die Kreativität, Intellektualität und spirituelle Tiere der Trägerin. Ebenso sind die verwendeten Materialien ein Hinweis auf den wirtschaftlichen Stand der Familie. Produzierten die Frauen den Baumwollstoff und Stickgarne früher noch selbst, so werden heute meist teure, industriell erzeugte Materialien dafür verwendet.

Foto: S. Staab, D. P. R. León

Text: Marlisa Schacht


Literatur

  • Gebhart-Sayer, Angelika (1987): Die Spitze des Bewusstseins. Untersuchungen zu Weltbild und Kunst der Shipibo-Conibo, Hohenschärtlarn: Renner.
  • Myers, Thomas P. (2002): The florescense of Conibo/Shipibo Art During the Rubber Boom. In: Myers, Thomas P., María Susana Cipolletti (Hg.): Artifacts and Society in Amazonia, Markt Schwaben: Saurwein, S. 127-141.
  • Odland, J. Claire, Alaka Wali (Hg.) (2016): The Shipibo-Conibo: Culture and Collections in Context. In: Fieldiana Anthropology 45, S. 1-100.
  • Suhrbier, Mona B., Gerda Kroeber-Wolf (Hg.) (2005): Augenblicke. Keramik der Moche und Shipibo, Peru, Frankfurt a. M.: Museum der Weltkulturen.

 

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