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BOM! Juni 2021

In einigen Aymara- und Quechua-Gemeinden werden Schafshäute zur Wissensvermittlung mit der Bilderschrift escritura andina beschrieben. Diese Technik ist seit dem 19. Jahrhundert bekannt und diente größtenteils zur Dokumentation von religiösen Inhalten wie etwa von katholischen Gebeten. Auch das hier vorgestellte Objekt ist ein Beispiel dieser Tradition und kam Mitte des 20. Jahrhunderts nach Bonn.

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Schafshaut mit Bilderschrift

Inv.-Nr. 1137
Cumana, Departamento La Paz, Bolivien
Sammlung Hermann Trimborn


Die getrocknete Schafshaut aus Cumana, Bolivien, zeigt auf der glatten Seite einen in blauer Tinte geschriebenen Text in der so genannten andinen Bilderschrift (escritura andina). Bei dem Text auf dem 80 cm langen und 60 bis 65 cm breiten Objekt handelt es sich möglicherweise um ein katholisches Gebet (Garcés 2017: 149), das in 18 mit roten Linien markierten Zeilen wiedergegeben wird. Die Leserichtung verläuft, wie bei ähnlichen Schriftträgern, vermutlich von oben nach unten und abwechselnd von links nach rechts (Bustrophedon).
Aus der Umgebung des Titicacasees sind mehrere vergleichbare Häute bekannt, auf denen in einer der beiden verbreiteten indigenen Sprachen Aymara oder Quechua katholische Gebete verschriftet sind (Garcés 2017: 148-150). Die verwendeten Symbole sind, anders als bei der Alphabetschrift, bildliche Zeichen, die auf ein Wort oder einen Sinnzusammenhang verweisen. Die escritura andina ist daher zwar auch ein mnemotechnisches Mittel, das auf einen bestimmten Informationsinhalt verweist (beispielsweise ein Gebet), aber ihre Interpretation ist häufig an einen soziokulturellen Kontext gebunden (Garcés & Sánchez 2014: 34, Mitchel & Jaye 1999: 20). Die ersten Nachweise für diese Schrift reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück, wohingegen die heutigen Textträger, wie etwa diese Schafshaut, aus dem 20. Jahrhundert stammen. Noch heute sind diese Formen der Textvermittlung in einigen Gemeinden in Gebrauch, wobei Symbole und Inhalte sich über die Zeit verändert haben und auch auf anderen Materialien wie Papier und Keramik entstanden sind (García 2015).
Die hier gezeigte und bislang lediglich von Garcés (2017) erwähnte, aber sonst nicht näher erforschte Schafshaut stellt ein gut erhaltenes Beispiel andiner Schrift dar. Sie wurde von Dick Edgar Ibarra Grasso erworben und ist über Hermann Trimborn nach Bonn gelangt. Inwiefern diese Art der Schrift weit zurückreichende präkolumbische Wurzeln hat, ist nach wie vor offen.

Foto: Jana Brass

Text: Yannick Dreessen


Literatur

  • Garcés Velasquez, Fernando & Walter Sánchez C. (Hg.) (2014): Escritura Andina. Pictografía e ideografía en cuero y papel. Cochabamba: Universidad Mayor de San Simón, Instituto de Investigaciones Antropológicas & Museo Arqueológico.
  • Garcés Velasquez, Fernando (2017): Escrituras Andinas de hoy y hayer. Cochabamba: Universidad Mayor de San Simón, Instituto de Investigaciones Antropológicas & Museo Arqueológico.
  • García Camacho, Angélica (2015): „Variantes escritas y orales de los rezos de pascuas en el Municipio de Vitichi“, in: Garcés V., Fernando & Walter Sánchez C. (Hg.): Textualidades. Entre cajones, textiles, cueros, papeles y barro. Cochabamba: Universidad Mayor de San Simón, Instituto de Investigaciones Antropológicas & Museo Arqueológico, 123-148.
  • Mitchell, William & Barbara Jaye (1996): Pictographs in the Andes: The Huntington Free Library Quechua Catechism. Latin American Indian Literatures Journal 12 (1): 1-42.

 

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