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BOM! August 2020

Im Monat August wird in den peruanischen Anden das Fest der Tiermarkierung gefeiert. Zu diesem Anlass werden Opfergaben gebracht, für die man sich eines tragbaren Holzkastens mit Heiligendarstellungen und Szenen aus dem dörflichen Leben bedient. Diese Altarbilder oder retablos sind heute gleichermaßen Volks- und Nationalkunst Perus.

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Altarbild (retablo)

Inv.-Nr. 3512
Holz und andere Materialien
ca. 1970-1980 (?)
Peru, Departamento Ayacucho
Sammlung Gertrud Solar

 

 

 

 

 

 

 

 

Altarbilder oder retablos von Heiligen erlangten in Peru während der Kolonialzeit eine eigenständige Tradition in der Region um Ayacucho (Huamanga). Sie fanden Eingang in die indigene Gesellschaft der Viehzüchter von Lamas, Vicuñas und Schafen. Am Tag der Tiermarkierung bringen die Familien der Viehzüchter den Heiligen Gaben, die als „Zahlung an die Erde“ (pagapu) zu verstehen sind. Dies knüpft an die vorspanische Zeit an, in der etwa huacas, heilige Steinfiguren, oder illas, kleiner Steine mit Darstellungen von Lamas und Vicuñas, verehrt wurden.
Kästen dieser Art sind aus Eukalyptus-Holz und heute vermehrt auch aus Pressspan gefertigt (Solari et al. 1856: 80). Für die Figuren nutzte man früher aus Kartoffeln gewonnene Gelatine und vermischte diese mit Gips; heute bevorzugt man Pappmaché (ebd.: 79-80). Auf die Lasur aus feinem Gips trägt man natürliche oder Acrylfarben auf (Ulfe 2012: 66, 140-145).
Ab den 1940er Jahren wurden retablos der „Volkskunst“ zugeschrieben und seit den 1970er Jahren als „nationale Kunst“ Perus deklariert. Joaquín López Antay wurde für seine Arbeiten als erster Künstler mit dem Nationalen Kulturpreis im Bereich Kunst ausgezeichnet (ebd.: 71). Dieser wird auch als Künstler des retablo im BASA-Museum vermutet (Karteikarte). Ein weiterer bekannter Künstler, Florentino Jiménez Toma, auf der Rückseite erwähnt, könnte der Vorbesitzer gewesen sein (Fuji 1998: 161).
Die spitz zulaufende Fläche und die Flügeltüren dieses retablo zeigen eine heimische Blume. Im Inneren sind im oberen Bereich sechs große und zehn kleinere Personen wiedergegeben sowie etliche Tiere (darunter Schafe, Ziegen, Vögel, Esel). Bei den zentralen Personen handelt es sich möglicherweise um den Heiligen Markus (mit roter Robe), der ein offenes Buch hält, welches ihm zur Registrierung des Viehs dient. Links daneben ist der Heilige Lukas mit einem geschlossenen Buch dargestellt, auf dem ein Tier abgebildet ist. Im unteren Bereich ist eine dörfliche Szene von Personen mit Musikinstrumenten, Nahrungsmitteln und Haushaltsgegenständen wiedergegeben. Während die größer dargestellten Personen augenscheinlich die Tierzählung vornehmen, wird in einer anderen Szene ein Dieb oder Viehräuber zur Sühne ausgepeitscht (vgl. Solari et al. 1986: 76).

 

Text: Daniel Grana-Behrens

 

Literatur

  • Fuji, Tatsuhiko (1998). “Del arte folklórico al arte nacional: El caso de retablo ayacuchano”. Senri Ethnological Reports 9: 161-173.
  • Solari, Gertrude, Nicario Jiménez und Roberto Villegas (1986). “El cajón de San Marcos”. Boletín de Lima 45: 67-85.
  • Ulfe, María Eugenia (2011). Cajones de la memoria. La historia reciente del Perú a través de los retablos andinos. Lima: Fondo Editorial de la Pontificia Universidad Católica del Perú.

 

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