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BOM! November 2020

Während Objekte über Jahrhunderte hinweg intakt bleiben und in Museen gelangen können, verändern sich die kulturellen und natürlichen Umgebungen, aus denen sie kommen, kontinuierlich – so auch San Joaquín in den Llanos de Mojos, wo vor ca. 800 Jahren die schwangere Frau lebte, die zur Herstellung der Keramikfigur inspirierte, die wir als November-BOM! vorstellen.

 

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Figur einer Schwangeren

Inv.-Nr. 1720
Mojos
Keramik
Bolivien, Departement Beni
Sammlung Heinz Kelm

Mit ihrer Größe von 22,3 cm und einem Gewicht von 935 Gramm ist diese Frau weltweit einzigartig. Vor fast 70 Jahren schenkte Pablo Seng sie, obwohl sie schwanger war, als Kulturbotschafterin an Heinz Kelm, den sie auf dessen Rückreise von Santa Cruz de la Sierra nach Bonn begleitete.
Nach ihrer Ankunft in Bonn wurde sie einer detaillierten anthropometrischen Analyse unterzogen, bei der selbst die intimsten Teile ihres Körpers gemessen wurden. Später veröffentlichte Kelm diese Informationen detailliert (1963: 67-73).
Die Frau stammt aus dem Dorf San Joaquín am Fluss Machupo im Nordosten der Llanos de Mojos. Obwohl sie etwa 800 Jahre alt zu sein scheint, erlauben uns ihr lächelndes Gesicht, ihr aufrechter Körper und ihre makellose Körpermalerei mit komplizierten Spiralen, uns in die Vergangenheit zurückzuversetzen und uns vorzustellen, wie Mojos um zwischen 1200 und 1500 n. Chr. ausgesehen haben mag, als die Bevölkerung noch nicht durch seit dem 16. Jh. eingeschleppte Krankheiten dezimiert worden war und die große Vielfalt an Kulturen und Sprachen durch die Jesuitenmissionen seit dem 17. und 18. Jh. bedroht wurde.
Bevor die Frau in 1921 entführt und nach Santa Cruz gebracht wurde, muss sie Zeuge des „Gummifiebers“ gewesen sein... Sie war allein, wie viele alte Frauen und Mädchen, die in den trostlosen Dörfern zurückgelassen wurden, während die Männer und jüngere Frauen beim Extrahieren des Kautschuks starben.
Im März 1914 beschrieb Nordenskiöld (1924: 186) mit folgenden Worten, woher die Frau kam: „Besonders zur Nachtzeit ist es wunderbar schön. Der Mond leuchtet auf die Palmwipfel, auf das Urwaldwirrsal, das aus dem Regenzeitmeer auftaucht. Laute aller Art klingen aus dem Wald. Es summt und faucht in allen Tonarten. Die Delphine husten und prusten.“ Es ist möglich, dass sie und ihre Familie am Bau dieses Systems von Kanälen und Dämmen beigetragen haben, die nach Nordenskiöld (1924: 187-188) bis nach Baures reichen. Sie konnte nicht ahnen, dass es ihr Schicksal war, zu reisen um die Welt zu sehen und gesehen zu werden, während sie das Stückchen Hoffnung in sich trägt, wie eine kleine Perle, die manchmal leise klingt, wenn man sie unsanft bewegt.
Ich glaube, manchmal vermisst sie den Klang des Regenwaldes. Ich wage es immer noch nicht, ihr zu erzählen, dass dort in diesem Jahr nur die Stille herrscht, da Waldbrände mehr als 1,8 Millionen Hektar Wald im bolivianischen Amazonasgebiet zerstört haben – eine Fläche, die fast dreimal so groß ist wie der Schwarzwald in Deutschland.
 

Beni.jpg

Text: Carla Jaimes Betancourt

 

Literatur

  • Kelm, Heinz (1963). Archäologische Fundstücke aus Ostbolivien. Baessler Archiv, Neue Folge, XI: 65-92.
  • Nordenskiöld, Erland (1924). Forschungen und Abenteuer in Südamerika. Stuttgart: Strecker und Schröder Verlag.

 

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