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BOM! Oktober 2020

Das BOM! im Oktober ist eine Kürbisrassel (nas oder nasisi) der Kuna. Sie wird von María Susana Cipolletti vorgestellt, die während eines Forschungsaufenthalts sämtliche Kürbisrasseln aus dem Bestand des BASA-Museums unter die Lupe genommen hat.

 

Kürbisrassel
(nas oder nasisi)BASA_2366_neu.jpg

Inv. Nr. 2366
Kalebasse, Holzgriff, pflanzliche Schnur
Kuna
Panama


 

Nasisi mit Holzgriff verwenden die Kuna (Eigenbezeichnung: Tule = ‚Mensch‘) unter anderem zur Begleitung des eigenen Gesangs, um kleine Kinder zu beruhigen oder in den Schlaf zu wiegen. Die gesungenen Lieder nennen sie koepippi, was so viel wie ‚Kleines‘ oder ‚Baby‘ bedeutet, womit direkt auf die Adressatinnen und Adressaten der Lieder verwiesen wird. Da die Männer der Gemeinschaft in der Regel tagsüber arbeiten oder gar mehrere Tage auswärts beschäftigt sind, sind es meistens die Mütter, Schwestern, Tanten oder Großmütter, die bereits vormittags koepippi zur Beruhigung der Kinder singen. Die Sängerinnen betten die Kinder dabei im eigenen Schoß oder in Hängematten und wiegen sie sanft vor und zurück, während sie mit der nasisi rasseln. Die Botschaften der koepippi an die Kinder erzählen von ihrem baldigen Heranwachsen, weswegen sie nicht zu weinen bräuchten. Sie können jedoch auch variiert und an die aktuelle Lebenssituation des jeweiligen Kindes und seiner Familie angepasst werden (Sherzer 1992: 240).
Rasseln für Rituale und Zeremonien hingegen dürfen ausschließlich von Schamanen verwendet werden (Helbig 1983) und sind als ihr persönlicher Besitz anzusehen. Sie unterscheiden sich durch das Material des Griffes, der bei diesen Rasseln aus Hirschknochen gefertigt wird. Frühe Zeugnisse der rituellen Verwendung von Kürbisrasseln in Südamerika finden wir bereits zu Beginn der Kolonialzeit. Der deutsche Landknecht Hans Staden lieferte einen Bericht, demzufolge er im Jahr 1550 mehrere Monate von den Tupinambá an der Küste des heutigen Brasilien gefangen gehalten wurde. Der Schamane habe Männer aus verschiedenen Siedlungen versammelt, da er gewusst habe, dass eine Gottheit zu ihnen aus den Rasseln sprechen würde: „Darnach nimpt er die Rassel hart vor den mundt und rasselt mit und sagt zu jm: Nee Rora nun rede und lass dich hören bist du darinne“ (Staden1556 II, Kap. XXIII, zitiert nach Izikowitz 1935: 111).
Die ausgestellte nasisi mit einer Gesamtlänge von 21 cm besteht aus einem Holzgriff und einer Kalebasse, deren Form durch eine Schnur entstand, die um die unreife Frucht gebunden wurde. Charakteristisch für alle Rasseln der Kuna sind die vier rund um die Grifföffnung angebrachten, länglichen Schlitze, durch die eine Schnur hindurchgeführt wird, um den Holzgriff mit der Kalebasse zu verbinden. Im Inneren befinden sich nicht näher identifizierte Samen oder Steinchen. Des Weiteren wurden verschiedene Zeichen eingeritzt, die möglicherweise auf die Existenz eines früheren, schriftähnlichen Notationssytems hindeuten (Nordenskiöld & Pérez Cantule 1938). Neben dieser beherbergt das BASA-Museum vier weitere nasisi sowie ein Dutzend weiterer Kürbisrasseln verschiedener indigener Gemeinschaften Mittel- und Südamerikas.
Die etwa 40.000 Kuna gehören zu den circa 50.000 bis 70.000 Sprecherinnen und Sprechern einer Chibcha-Sprache. Sie bewohnen die Comarca Kuna Yala, ein seit 1953 zum Teil autonom verwaltetes Territorium, das weite Gebiete des atlantischen Küstenstreifens Panamas sowie die vorgelagerten Inseln des San Blas Archipels umfasst. Kleinere Kuna-Gruppen siedeln in Rückzugsgebieten des Binnenlandes von Panama und Nord-Kolumbien.
 

Wikicommon_2011_San_Blas,_Panama,_Indiens_Guna_dansant.jpg

Gemeinschaft der Kuna in San Blas, Panama
2011
Foto: Wikimeadia commons

Text: María Susana Cipolletti

 

Literatur

  • Helbig, Jörg (1983): Religion und Medizinmannwesen bei den Cuna. Hohenschäftlarn: Klaus Renner.
  • Izikowitz, Karl Gustav (1935): Musical and other Sound instruments of the South American Indians: A Comparative Ethnographical Study. Göteborg: Elanders boktr.
  • Nordenskiöld, Erland & Ruben Pérez Kantule (1938): An Historical and Ethnographical Survey of the Cuna Indians. Comparative Ethnographical Studies 10. Göteborg: Göteborgs Museum, Ethnografiska Avdelningen.
  • Sherzer, Joel (1992): Formas de habla Kuna. Una perspectiva etnográfica. Quito: Editores Abya-Yala.
  • Staden, Hans (1556): Wahrhaftige Historia und Beschreibung eyner Landschafft der wilden nacketen grimmigen Menschfresser Leuten in der Newenwelt Amerika gelegen.

 

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