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BOM! September 2020

Das BOM! im September ist eine Zusammenstellung von 14 Zigarren aus dem Gebiet der Chiquitano in Ostbolivien. Sie wurden im Rahmen eines Seminars zu Kulturen des südamerikanischen Tieflands am BASA-Museum genauer untersucht. Zigarren spielen für die Chiquitano nicht nur eine Rolle als alltägliches Genussmittel, sondern auch als machtvolles Ritualobjekt.

 BASA_3240.JPG

Zigarren (paíš oder okorés)

Inv.-Nr. 3240a-m
Getrocknete und gerollte Tabakblätter
Chiquitano
Ostbolivien
Sammlung Jürgen Riester


 

 

 

 

 

 

Die 14 stiftförmigen Zigarren sind 10 cm lang und wurden aus getrockneten Tabakblättern von Hand gerollt. Sie wurden zwischen 1963 und 1965 von Jürgen Riester (1941-2019) während seiner ersten Feldforschungen in Ostbolivien erworben.
Der Tabak wird von den Chiquitano auf Feldern oder in der Nähe des Wohnhauses angebaut und von den Frauen geerntet. Die Blätter werden getrocknet, bevor die Mittelrispen entfernt werden. Für die Verarbeitung werden mehrere Blätter in die Hand genommen und die unteren Enden abgerissen, bevor ein Tabakblatt, das als Deckblatt dient, von unten nach oben um die losen Blätter gewickelt wird.
Tabak stellt für die Chiquitano einen mächtigen Wirkstoff dar, der unter anderem medizinische und magische Zwecke erfüllt. Die Weltsichten der Chiquitano verknüpfen Elemente aus christlichem Glauben und indigenen Vorstellungen und sind stark von magischen und schamanischen Praktiken geprägt. In einem traditionellen Dorf der Chiquitano genießen der Čeeserúš und der Oboíš hohes Ansehen: Während der Čeeserúš Menschen heilt und verschiedene Rituale (beispielsweise für Fruchtbarkeit) durchführt, schadet der Oboíš den Menschen durch böse Zauber. Oftmals sind Čeeserúš und Oboíš ein- und dieselbe Person, da einige Familien des Ortes ihn als heilenden Schamanen, andere jedoch als bösen Zauberer betrachten. Dieses Amt kann sowohl von einem Mann als auch einer Frau ausgeübt werden. Die Zigarre ist ein wichtiges zeremonielles Instrument des Čeeserúš und wird häufig bei Heilritualen geraucht. Bei der Behandlungsmethode des sogenannten „Körpersaugens“ wird der Zigarrenrauch auf den Körper einer kranken Person geblasen. Trägt ein Baum keine Früchte, bläst der Čeeserúš den Rauch in Einkerbungen der Rinde, um die Fruchtbarkeit des Baumes zu fördern. Um sich selbst vor bösen Zaubern, unter anderem des Oboíš, zu schützen, rauchen die Chiquitano abends vor ihrem Haus selbstgedrehte Zigarren, da zu dieser Tageszeit Schadenzauber als besonders wirksam gelten. Auch lose Tabakblätter werden in der Medizin und bei Ritualen verwendet.
 

 

Text: Jeannine Langmann

 

Literatur

  • Riester, Jürgen (1971). "Medizinmänner und Zauberer der Chiquitano-Indianer". Zeitschrift für Ethnologie 96 (2): 250-265.
  • (1976). En Busca de la Loma Santa. La Paz: Ed. Los Amigos del Libro.
  • (1982) Die Materielle Kultur der Chiquitano-Indiander (Ostbolivien). Sonderdr. Wien: Museum für Völkerkunde.
  • (1986) Zúbaka: La Chiquitanía: Visión antropológica de una región en desarrollo. Tomo I: Vocabulario del Chiquito. La Paz: Ed. Los Amigos del Libro.

 

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