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BOM! Juni 2020

Die Tonflöte in Vogelform der Tairona aus Kolumbien ist ein „kleines archäologisches Wunder voller Klänge“, so die Musikarchäologin Mónica Gudemos. In ihrem Blockseminar „Archäomusikologie: Methode und Materialien“, das im Juni/Juli letzten Jahres im BASA-Museum stattfand, wurde die Vogelflöte genau unter die Lupe genommen – und sogar gespielt. Ihre Klänge und die vieler weiterer Flöten werden in einer der nächsten Ausstellungen im BASA-Museum zu hören sein.

 BASA_EW44.jpg

Tonflöte in Form eines Vogels

Inv.-Nr. EW 44
Ton
Tairona (ca. 800 bis 1600 n. Chr)
Kolumbien
Sammlung Erich Wustmann

 

 

 

 

Die Vogelflöte aus Ton mit einer Flügelspanne von 5,3 cm weist eine hellbraun-beige Färbung mit gräulichen Einschlüssen aus. Beide sichelförmigen Flügel des Hohlkörpers, der in einem kurzen Schwanzstück mit einer schlitzartigen Öffnung, dem Mundstück, endet, weisen je zwei kreisrunde Öffnungen auf. Mittig auf der dunkel-glänzenden Unterseite des Körpers befindet sich eine weitere Öffnung. Dass zwischen allen Öffnungen eine durchgängige Verbindung besteht, legt den Schluss nahe, dass es sich bei den Öffnungen auf den Flügeln um Grifflöcher zum Verändern der Tonhöhe handelt. Das bestätigte sich im Praxistest, den Mónica Gudemos im Rahmen ihrer akustischen Analysen archäologischer Flöten im BASA-Museum durchführte und aufnahm (Audiodatei).
Die genaue Beobachtung der materiellen Eigenschaften der Vogelflöte während des Blockseminars führte zu weiteren Überlegungen: Die glänzende Unterseite resultiert aus häufiger Abreibung und Fettablagerungen und lässt sich als Anzeichen dafür lesen, dass die Tonflöte am Körper getragen wurde. Denkbar ist, dass ein Band um den Hals des Vogels gebunden wurde, das sich der Flötenspieler um seinen Hals hängte.
Die vorspanische Tairona-Kultur der Sierra Nevada de Santa Marta ist bis heute in der mündlichen Überlieferungen von gegenwärtig dort lebenden indigenen Gruppen wie den Wiwa präsent (Echevarría Usher 1994: 3). Ihre Erzählungen lassen es möglich erscheinen, dass diese zoomorphe Flöte eine von ihnen Sibi genannte Nachtschwalbenart darstellt. Um sich zu verteidigen, schlägt dieser Vogel seine Flügel gegen den Boden und dreht den Kopf nach hinten. Für die Wiwa kündigt ein solches Verhalten an, dass eine Grabstätte ausgehoben werden wird (ebd.: 12).

Ausschnitt der akustischen Analyse, de im Rahmen des Seminars durchgeführt wurde.    

 EW 44 ton Ausschnitt A.jpg

 

 

 

 

 

 

 

 

Text: Daniel Grana-Behrens unter Verwendung von Aufzeichnungen
von Mónica Gudemos, Jeannine Langmann und Juan Peña Panduro.

 

Literatur

  • Echavarría Usher, Cristina (1994). “Cuentos y cantos de las aves wiwa. Notas preliminares sobre la tradición oral wiwa en la interpretación de las representaciones ornitomorfas de la cultura tairona”. Boletín del Museo del Oro 37: 3-33.
  • Hinweise zur akustischen Analyse von Mónica Gudemos. Una pequeña maravilla arqueológica llena de sonidos. Referencias del análisis acústico de la flauta EW 44.
  • Karteikarte des Objekts mit der Inv.-Nr. EW 44, verfasst und mit Skizzen von Jeannine Langmann und Juan Peña Panduro. (Karteikarte als PDF)

 

Informationen zu diesem BOM! als PDF

 

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