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BOM! Mai 2020

Aus aktuellem Anlass ist das BOM! im Mai eine mola mit Fledermausmotiv. Fledermäuse sollen bei der Übertragung des Corona-Virus (SARS-CoV-2) auf den Menschen eine wichtige Rolle gespielt haben. Molas sind genähte Stofflagen mit farbenfrohen Mustern, die das zentrale Element für Blusen der Kuna-Frauen bilden.

 

BASA_OHB37.JPG

 

Mola mit Fledermausmotiv

Inv-Nr. OHB37
Baumwolle
Kuna
Panama
Sammlung Otto Baeßler

 

 

 

Auf Märkten in der chinesischen Region Wuhan werden Fledermäuse als Lebendware für den späteren Verzehr gehandelt. Dort könnte das Virus von der Fledermaus auf den Menschen übergegangen sein. Die Kulturanthropologin Els Lagrou nimmt dies zum Anlass, um basierend auf ihren Forschungen auf das Ungleichgewicht in der Beziehung zwischen uns Menschen und unserer Umwelt, das auf Ausbeutung, Raubbau und dem massiven Anbau von Monokulturen basiert, aufmerksam zu machen. Sie forscht bei den Huni Kuin, die von ihren Nachbarn Kaxinawa, „Fledermausmenschen“, genannt werden. Wie viele andere indigene Gesellschaften im Amazonas suchen die Huni Kuin in ihrer Subsistenzweise einen Ausgleich zwischen Geben und Nehmen: Es darf nur das Notwendigste aus der Tier- und Pflanzenwelt genommen werden. Für jedes Nehmen muss eine Gegenleistung in Form von Gesängen, Zeremonien und Opfergaben erbracht werden. Sie verhindert, dass getötete Wesen Rache nehmen können, indem sie ihre nisun schicken, die Kopfschmerzen und Verwirrung verursachen und in letzter Konsequenz den Tod bringen können. Fledermäuse werden allerdings aufgrund ihrer Kraft des Gestaltwandelns yuxin nicht verzehrt. Einige Huni Kuin gehen davon aus, dass die Corona-Pandemie das nisun unserer Zivilisation ist (Lagrou 2020).

Vorstellungen von Fledermäusen als Wesen mit übernatürlichen Fähigkeiten finden wir in den Amerikas eine ganze Reihe: angefangen bei dem Fledermausgott der Maya Camazotz aus dem Popol Vuh, der mit der Nacht, dem Tod und Opferungen in Verbindung gebracht wurde (Miller & Taube 1993: 44), über plastische Darstellungen von Fledermäusen als Wesen der Nacht- oder Schattenwelt bei andinen archäologischen Kulturen wie den Moche (Golte 2015: 89) bis hin zu Metall- und Keramikdarstellungen von Fledermäusen oder Mischwesen zwischen Mensch und Fledermaus der Tairona-Kultur aus dem heutigen Kolumbien (Acevedo Coy 2016) und ähnlichen Objekten aus der sogenannten Macaracas-Phase (900 bis 1100 n.C.) im heutigen Panama (Plazas 2016: 255). Solche Motive sind noch heute auf Keramikobjekten und molas der Kuna zu finden, die in der Comarca Kuna Yala, ihrem teilautonomen Gebiet an der nördlichen Antlantikküste Panamas, leben. Neben Darstellungen von Jaguarmenschen verweisen auch die Darstellungen von Fledermausmenschen auf die Fähigkeit von Schamanen, sich verwandeln und andere Orte besuchen zu können, die für die Erfüllung ihrer Aufgaben wichtig sind (ebd.: 271).

Text: Simon Hirzel   

Moche Fledermaus Clevelandart_2005.6.jpg

Gefäß der Moche mit Fledermaus-Darstellung, Cleveland Museum of Art. Foto: Wikimeadia commons

 

Literatur

  • Acevedo Coy, Laura Juliana (2016): El murciélago en el material cerámico del área cultural Tairona. Magisterarbeit. Bogotá: Universidad Nacional de Colombia.
  • Golte, Jürgen (2015): Moche cosmología y sociedad: una interpretación iconográfica. Lima: IEP.
  • Lagrou, Els (2020): „Nisun: A vingança do povo morcego e o que ele pode nos ensinar sobre o novo coronavírus“, in: Jornalistas Livres (14.04.2020). URL: jornalistaslivres.org/nisun-a-vinganca-do-povo-morcego-e-o-que-ele-pode-nos-ensinar-sobre-o-novo-coronavirus/
  • Miller, Mary Ellen & Karl A. Taube (1993): The gods and symbols of ancient Mexico and the Maya. London: Thames & Hudson.
  • Plazas, Clemencia (2016): „Diseño Compartido: Entre molas Gunas y cerámica prehispánica de Panamá central“, in: Boletín Museo del Oro 56.

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