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BOM! April 2020

Der Speer der „Auca“ ist eine Art doppelter Zufallsfund. In den 1950ern gelangte er Udo Oberem bei seiner Forschungsreise in Ecuador in die Hände. Nun ist er mir beim Browsen in der kürzlich online gegangenen Datenbank des BASA-Museums wiederbegegnet, da „Auca“ der erste Eintrag in der alphabetisch sortierten Liste „Datierung/Kultur” von Objekten ist. Wir zeigen wir das 2,67 Meter lange April-BOM! aus gegebenem Anlass (und weil es in keine Vitrine passt) nur online.

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Speer der „Auca“

 

Inv.-Nr. 61
Hartholz (Chonta), Baumwolle, Bast, Federn, Achiote
Waorani („Auca“)
Ecuador, Prov. Orellana
Sammlung Oberem

 

Dieser „Speer mit angeschnitzter Spitze aus Chonta-Holz“ – so die Karteikarte – „[s]tammt aus einem Auca-Überfall auf ein indianisches Haus nahe der Mündung des Coca in den Napo auf der nördlichen Seite im Jahre 1955“. In ihm verbirgt sich die komplexe, bis heute währende Geschichte von Gewalt und Konflikten um die Erdölförderung im ecuadorianischen Amazonasregenwald. Gegen diese Zerstörung leisten die Waorani, früher „Aucas“ („Wilde“ oder „Krieger“ auf Kichwa) genannt, zusammen mit anderen Akteuren Widerstand, um ihren zunehmend bedrohten Lebensraum zu schützen (vgl. Gondecki 2015; Bayón 2019).

Unweit des vermutlich einer Kichwa-Familie gehörenden Hauses, das mit diesem Speer überfallen wurde, nordwestlich der Mündung des Río Coca in den Río Napo, liegt Coca – damals eine kleine Siedlung, die aufgrund der Erdölförderung heute die größte Stadt im Osten Ecuadors ist. Im Jahr dieses Überfalls, 1955, begann die Linguistin und Missionarin Rachel Saint ihre Zusammenarbeit mit der Wao-Frau Dayuma. Nachdem ihr Bruder Nate und vier weitere Missionare 1956 bei ihrem Versuch Kontakt zu den Waorani aufzunehmen durch deren Speere getötet wurden, gelang es Saint mit Dayumas Hilfe zwei Jahre später, den ersten „friedlichen“ Kontakt mit einer Lokalgruppe der Waorani herzustellen.

P1070914_red.JPGIn Folge der damit einsetzenden Missionierung leben die meisten Waorani heute in Städten oder in Siedlungen in ihrem anerkannten Territorium. In diesem und im angrenzenden Yasuní-Nationalpark leben auch, in sogenannter „freiwilliger Isolation“, die die Sprache der Waorani sprechenden Taromenani und Tagaeri. Diese vermeintlich „nicht-kontaktierten“ Gruppen nähern sich den Siedlungen regelmäßig, wobei es mitunter zu Gesprächen mit Waorani kommt. Während das kaum bekannt ist, generieren die gewaltsamen, oft tödlichen Auseinandersetzungen zwischen Taromenani/Tagaeri und Waorani sowie Angriffe ersterer auf Erdölarbeiter und Holzfäller stets eine enorme mediale Aufmerksamkeit. Symbol dieser Gewalt, aber auch der Verteidigung ihres Territoriums ist der Speer.

Text und Foto: Naomi Rattunde   

Details eines Waorani- und eines Taromenani-Speers in der Privatsammlung von Manuela Omari Ima Omene in ihrer Wohnung in Shell, September 2019.

 

Literatur

  • BASA-Museum. Inv.-Nr. 61, Online-Datenbank: https://kosmos.uni-bonn.de/wisski_basa/wisski/navigate/15390/view
  • Bayón, Manuel (2019). „Die letzte Chance für den Yasuní. Ecuador: Die Mobilisierung gegen die umstrittene Ölförderung in der Amazonasregion gewinnt an Kraft“. ila 425: 22-23.
  • Gondecki, Philip (2015). ›Wir verteidigen unseren Wald‹. Vom lokalen Widerstand zum globalen Medienaktivismus der Waorani im Konflikt zwischen Erdölförderung und Umweltschutz im Yasuni im ecuadorianischen Amazonastiefland. Dissertation, Universität Bonn. URL: http://hss.ulb.uni-bonn.de/2015/3874/3874.pdf

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