Sie sind hier: Startseite BOM! – BASA-Objekt des Monats BOM! Januar 2020

BOM! Januar 2020

Das erste BOM! des Jahres ist eine Keramikschale der Shipibo-Conibo aus dem peruanischen Amazonastiefland. Die geometrischen Muster sind ein Produkt ihrer Kosmopraxis, geprägt durch ihre kulturellen, schamanischen Praktiken. Nach der Einnahme bestimmter, psychoaktiver Pflanzen bringen sie singend diese Muster auf ihren Textilien und Keramiken an.

 BOM2020-01_basa-5522Keramikschale

Inv.-Nr. 5522
Keramik
Shipibo-Conibo-Kultur
Amazonastiefland, Peru
Sammlung Vinnai

 

Die Keramikschale mit polychromer Bemalung und rötlichem Ton im Inneren wurde im 20. Jahrhundert von den im peruanischen Amazonastiefland ansässigen Shipibo-Conibo angefertigt. Die sich kreuzenden Linien der äußeren Bemalung bilden geometrische Muster, die charakteristisch für die Handwerkskunst dieser Gruppe sind. Die Grundfarbe der Schale ist in einem cremefarbenen Ton gehalten, darüber sind dunkelbraune bis rötliche Linien aufgetragen, die sich symmetrisch auf beide Seiten der Schale verteilen. Die geometrischen Formen bestehen aus geraden Linien, Dreiecken und Kreisen. Die Dreiecke sind zum Teil mit rotbrauner Farbe gefüllt. Auch im Inneren der Schale sind ähnliche geometrische Muster aus dickeren Linien zu sehen, die mit weißer Farbe auf rotem Grund aufgetragen wurden.

Zu der im peruanischen Amazonas ansässigen Gesellschaft der Shipibo-Conibo gehören heute geschätzt 26.000 Menschen, die entlang des Ucayali-Flusses siedeln. Sie sind der Sprachfamilie der Pano zuzuordnen, welche der Cashinahua-Kultur nahe ist. Sie leben vom Fischfang, Ackerbau und der üppigen Pflanzenwelt entlang des Flusses sowie vom Verkauf ihrer bekannten Keramiken und Textilien, mit denen sie in den küstennahen Städten Handel treiben. Ihre geometrischen Designs, kené genannt, sind nicht nur ästhetisch ansprechend, sondern haben darüber hinaus einen starken, spirituellen Bezug zur Wahrnehmung ihrer Umwelt und zu kulturellen Praktiken des Schamanismus. Sie sind Ausdruck der Betrachtung und Erfahrung von pflanzlichen Formen nach der Einnahme bestimmter psychoaktiver Substanzen (wie ayawasca), welche sie rao nennen. Rao wirken als Inspiration. Singend malen vorrangig die Frauen der Gruppe ihre Muster auf Textilien und Keramiken, die sie im Nachgang auch als Melodien und Gesänge wiedergeben können, wie beispielsweise während ihres Festes ani xeati zu Ehren der Wassergöttin Yacumama.

Gerade Linien zeigen unter anderem die Wege der Flüsse, Kurven stellen die Suche von Jugendlichen nach passenden Partner*innen dar und Kreuze beziehen sich auf die Opferrituale der Männer. Darüber hinaus versinnbildlichen die Motive den Blutfluss durch die Venen, eine Metapher zur Auffassung von Leben, Macht und Wissen. Auch wenn die kené heute vorrangig von Frauen erstellt werden, war dies lange Zeit eine Tätigkeit sowohl von Frauen als auch Männern. Im Gegensatz zu anderen Amazonas-Gesellschaften sind bei den Shipibo-Conibo auch Frauen als Schamaninnen aktiv, da sie über ein großes Wissen der Pflanzenwelt verfügen sollen.

 

Literatur

  • Belaunde, Luisa Elvira (2005). El recuerdo de Luna. Género, sangre y memoria entre los pueblos amazónicos. Lima: UNMSM Fondo editorial CC.SS, S. 208-219.
  • Brabec de Mori, Bernd & Laida Mori Silvano de Brabec (2009). La corona de la inspiración. Los diseños geométricos de los Shipibo-Konibo y sus relaciones con cosmovisión y música. Indiana 26, S. 105-134.
  • Eakin, Lucille, Erwin Lauriault & Harry Boonstra (1986): People of the Ucayali. Dallas: International Museum of Cultures.

Text: Asena Dizbay

 Informationen zu diesem BOM! als pdf

Artikelaktionen